Pädagogische Kulturtransfers Italien-Tessin (1894-1936)

Sahlfeld, Wolfgang (2017) Pädagogische Kulturtransfers Italien-Tessin (1894-1936). Rivista svizzera di scienze dell'educazione. (Submitted)

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Abstract

Die gewählten Daten zur Abgrenzung des Zeitraumes sind nicht zufällig: mit dem Programma d’insegnamento per le scuole primarie von 1894, als dessen Vater der stellvertretende Seminardirektor und auch wissenschaftlich anerkannte Pädagoge Francesco Gianini angesehen wird, beginnt im Tessin die Phase der an der pädagogischen Wissenschaft ausgerichten Lehrpläne, und das Programma per le scuole elementari von 1936 gilt als der Ausdruck schlechthin des sogenannten Attivismo pedagogico. Dazwischen liegen auf Tessiner Seite weitere wichtige Schulreformen, insbesondere die Verwirklichung einer eigentlichen Volksschule auf Sekundarstufe I (Scuola maggiore 1923) und die Einführung eines explizit an der Reformpädagogik ausgerichteten Lehrplans für die Kindergärten (1928). Auf italienischer Seite verzeichnet sich wie bekannt der Aufstieg der Montessori-Pädagogik, aber auch di intensive publizistische Tätigkeit von ursprünglich philosophisch argumentierenden Reformpädagogen wie Giuseppe Lombardo-Radice (dessen im Palermitaner Sandron-Verlag veröffentlichte Bücher die italienische Pädagogik entscheidend beeinflussen). Die von der faschistischen Regierung 1923 durchgeführte Riforma Gentile, welche vor allem dem sizilianischen Erziehungswissenschaftler Giuseppe Lombardo-Radice zuzuschreiben ist, verknüpft sodann Anliegen des philosophischen Idealismus mit denjenigen der Reformpädagik und ist insofern voll von internen Widersprüchen, die z.B. dazu führen, dass die Kindergartenpädagogik sich an den (katholisch sozialisierten) Agazzi-Schwestern und nicht an Montessori ausrichtet. Nach der vollständigen Faschistisierung des Schulsystems gegen Ende der zwanziger Jahre ist es dann mit einer aktiven Rolle der Reformpädagogik in Italien endgültig vorbei. Die Rezeption dieser Tendenzen im Tessin ist evident und z.T. bekannt: schon 1916 ist die später bekannte Schulreformerin und Schulleiterin Maria Boschetti-Alberti (mit einem kantonalen Stipendium) bei der Mailänder Società Umanitaria zu Gast, um sich die Prinzipien der Montessori-Pädagogik anzueignen. Die 1923 nach der Reform der Scuola maggiore eingeführten Lehrpläne sind stark auf den Prinzipien der Reformpädagogik aufgebaut, ebenso diejenigen der Kindergärten von 1928 (Autorin ist die Schulinspektorin Teresa Bontempi, die neben der engen Beziehung zu Lombardo-Radice auch irredentisch motivierte politische Kontakte zum faschistischen Italien pflegte). Der 1927 in Locarno durchgeführte Kongress der Ligue pour l’éducation nouvelle hat in den Tessiner schulgeschichtlichen Quellen ein breites Echo, auch wegen der fast vollständigen Abwesenheit der mit dem faschistischen Regime kompromittierten italienischen Erziehungswissenschaft (Lombardo-Radice selbst verzichtet auf die Teilnahme). Spätestens hier wird offensichtlich, dass die Beziehung zu Italien ambivalent geworden und die bis dahin für die Tessiner Reformpädagogik kennzeichnende verknüpfende Aufnahme von pädagogischen Einflüssen aus Italien (Lombardo-Radice) und Genf (Ferrière) nicht mehr ohne weiteres möglich ist. Für die Tessiner Reformpädagogen entsteht dadurch ein Dilemma: ist die italienische Reformpädagogik abzulehnen, weil ihre Vertreter mit dem Faschismus kompromittiert sind, oder ist sie im Gegenteil als Beitrag zu einer spezifischen, der Italianità des Kantons gerecht werdenden Variante reformpädagogischen Agierens privilegiert zu rezipieren? Nicht zufällig hat Maria Boschetti-Alberti in der irredentistischen Zeitschrift “L’Adula” von ihrer Reformpädagogik als “metodo italiano” gesprochen.

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  • Pädagogische Kulturtransfers Italien-Tessin (1894-1936). (deposited 16 Jan 2017 09:24) [Currently Displayed]

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